13. März 2013, 12:20 Uhr
FRANKENPOST

Besuch bei den Meistern
Beinahe hätte der Kunstverein Hochfranken Selb zehn der 57 Bilder seiner neuen Ausstellung im Rosenthal-Theater zeitweise abhängen müssen. Doch am Abend der Vernissage entspannt sich die Lage.
Von Ralf Sziegoleit

http://www.frankenpost.de/storage/pic/intern/import/fp-mpo/kultur-fp/kunstundkultur/2295159_0_fpku_Andrea_Volo_3sp_130313.jpg?version=1363110287
Ein Kunstprofessor aus Rom im Rosenthal-Theater: Andrea Volo mit Darstellungen des Kollegen Ernst Ludwig Kirchner - "im Atelier" und "mit Gelb". Foto: asz

Ein Kunstprofessor aus Rom im Rosenthal-Theater: Andrea Volo mit Darstellungen des Kollegen Ernst Ludwig Kirchner - "im Atelier" und "mit Gelb". Foto: asz
Selb - Dem neuen Bürgermeister der Stadt, Ulrich Pötzsch, war von Mitarbeitern der Verwaltung angezeigt worden, es sei Gefahr im Verzug. Denn Nacktes stehe ins Haus; bei Veranstaltungen im Theater außerhalb der Öffnungszeiten des Kunstvereins könne dies Anstoß erregen. Pötzsch, kein Kunstexperte, handelte klug: Er suchte fachkundigen Rat in der Frage, was Kunst an solchem Ort dürfen solle, und befand, Zensurmaßnahmen könnten dem Gemeinwohl größeren Schaden zufügen als die Präsentation der Bilder.
Gemalt und gezeichnet - denn auch fünf Radierungen sind zu sehen - hat sie Andrea Volo, ein ehrenwerter 71-jähriger Kunstprofessor aus Rom. Dass er in Selb ausstellt, ist freundschaftlichen Beziehungen zu verdanken: Heidi Goller, dritte Vorsitzende des Kunstvereins, machte vor 49 Jahren zusammen mit Volos Frau, einer Deutschen, in Nürnberg das Abitur. 2011 feierte man Wiedersehen in der Porzellanstadt; seither strebte Hans-Joachim Goller eine Volo-Ausstellung im Theater an.
"Visitors" (Besucher) stehen im Mittelpunkt der nun zustande gekommenen Schau. Es sind Besucher, die sich in Museen und Galerien Kunst, bevorzugt klassische Meisterwerke, anschauen und diese auch schon mal mit dem Handy fotografieren. Volo hat sie so gemalt, dass die betrachteten Bilder beziehungsweise die Figuren auf ihnen lebendig werden, heraustreten und sich unter die Leute von heute mischen; von einer spannenden Verknüpfung sprach Goller zutreffend in seiner Einführungsrede.
Andrea Volo, der ein Kunststudium in seinem Geburtsort Palermo und ein zweites in München absolvierte, ist als Maler so etwas wie eine multiple Persönlichkeit. Denn er hat den gegenständlichen und den abstrakten Expressionismus ausprobiert, hat Soulages und Schumacher, Rothko und Pollock als Vorbilder geschätzt, und er fühlt sich - nachdem er die Favoriten von einst zwar distanzierter sieht, doch nicht verworfen hat - in der ganzen Kunstgeschichte zu Hause, von Holbein und Caravaggio bis zur Pop-Art.
Viele seiner Bilder zitieren andere Bilder, und es fließen in die Darstellungen oft Dinge ein, die, rational betrachtet, dort nicht hingehören. Aber das Rationale ist nur die eine Seite dieser Malerei, die andere ist das Erfühlte, Sinnliche, Ungewisse. Ohne festen Plan beginne er seine Arbeiten, sagt Volo. Auf die Selbstentwicklung des Bildes vertraue er; darauf, dass sich Formen und Farben organisieren und zueinander finden. Das tun sie auf stets überzeugende und oft auch sehr überraschende Weise. Es passiert viel in den Gemälden, zwischen sichtbarer Wirklichkeit und Fantasie.
Zum OEuvre des Meisters gehören Porträts und Landschaften, "Conversation Pieces" nach britischem Vorbild und eben auch Akte. Vor allem in einer Reihe von Aquarellen behandelt Volo das klassische Thema "Maler und Modell", zeigt berühmte Künstler, unter ihnen Munch und Liebermann, Grosz und Kandinsky - Künstler übrigens, die fast immer Krawatte tragen -, zusammen mit unbekleideten Frauen. Doch nackt sind diese auf die anständigste Weise, wenn auch wohl nicht ganz so frei von Erotik und "von Lust distanziert", wie Goller es dem Publikum - und dem Bürgermeister - erzählte. An der Richtigkeit seiner Aussage, dass seelische Schäden nicht zu befürchten seien, besteht gleichwohl kein Zweifel.
Insgesamt ist diese Ausstellung ein Gewinn für die Region.
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Bis 7. April; donnerstags 16 bis 18, samstags 10 bis 14, sonntags 10 bis 12 Uhr.

Recensione
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